Im klassischen Therapiesetting ist die Rollenverteilung klar: Die Klient*in kommt als Gast, die Therapeut*in empfängt in ihren Räumen. Das gibt Sicherheit, schafft aber auch Hierarchie und Abhängigkeit.
Ganz anders ist es, wenn wir die vier Wände verlassen und nach draußen gehen. In diesem Artikel erfährst Du, was das mit der therapeutischen Beziehung machen kann.
Gleichberechtigung draußen
Im Park oder Wald gehört der Raum keinem von beiden. Niemand hat Hausrecht. Wir bewegen uns gemeinsam in einer Umgebung, die größer ist als wir selbst. Schon dadurch verändert sich die Beziehung: Sie wird gleichberechtigter, natürlicher, authentischer.
Das spüren die Klient*innen in vielen kleinen Momenten. Sie erleben mich nicht nur in meiner Rolle und sitzend, sondern auch als Mensch in körperlicher Bewegung. Sie sehen, wie ich meine Schuhe binde, wie ich gehe, wie ich reagiere, wenn es plötzlich zu regnen anfängt, ein totes Tier am Weg liegt oder wenn die Sonne hinter dunklen Wolken hervorbricht. Wir teilen Erlebnisse, die nicht planbar sind – und das verändert die Beziehungs-Dynamik zum Positiven. Ich werde von der „Behandlerin“ zum Mitmenschen. (Mehr zur therapeutischen Beziehung in meinem Fachbuch „Naturtherapie“ auf S. 82 ff.)
Beziehung durch Bewegung
Es ist spannend, zu sehen, wie sich über den Körper Beziehungsthemen ausdrücken. Z.B. kann man beim Nebeneinander-Gehen den Abstand leichter verändern als im Raum. Du wirst bemerken, wenn Dein*e Klient*in im Gespräch auf einmal mehr Raum zwischen Euch schafft oder dichter neben Dir geht. Ebenso kannst Du den Abstand diskret regulieren, wenn er Dir zu eng oder zu weit wird. Das zu thematisieren, kann zu wunderbaren Erkenntnissen führen.
Ein besonders eindrückliches Erlebnis ist mir bis heute in Erinnerung geblieben: Meine Klientin hatte in den Sitzungen zuvor so große Fortschritte gemacht, dass sie daran dachte, die Psychotherapie zu beenden. Während wir nebeneinander auf einem Waldweg gingen, sah sie zu mir herüber und sagte erstaunt:
„Ach, ich dachte immer, Sie wären viel größer als ich! Aber jetzt sehe ich, dass wir ja gleich groß sind!“
Ihr seelisches Wachstum hatte sich so sehr vollzogen, dass es sich in ihrer Wahrnehmung spiegelte! 😄
Therapeutische Wirkung
Draußen wird die Therapeutin sichtbarer und nahbarer. Die Klientin kann erleben: Das ist kein unnahbares Gegenüber, sondern ein Mensch, der die gleiche Witterung spürt, dieselben Hindernisse überwindet und zuverlässig da ist. Manchmal besteht man kleine Abenteuer gemeinsam – ein plötzlicher Regenschauer, ein umgestürzter Baum, ein langer Weg zurück. Auch das prägt die Beziehung und stärkt das Vertrauen.
Für den therapeutischen Prozess ist das bedeutsam.
Die Klient*innen erfahren mehr Selbstwirksamkeit und ein gestärktes Selbstwertgefühl. Sie werden unabhängiger von der Therapeut*in und erleben sich weniger als „kranke Patient*innen“ und mehr als gesunde, handlungsfähige Menschen in der Welt.
Mehr zur Wirkung von Naturerfahrungen in der Psychotherapie
In der Zeitschrift „Psychologie Heute“ ist ein ausführlicher Artikel über Naturtherapie erschienen, zu dem ich meine Expertise beitragen durfte. Dort geht es vor allem um die Frage: Wie wirken Naturerfahrungen generell auf die Psyche?
👉 Wenn Dich das interessiert – von Stressabbau über Aufmerksamkeitsregulation bis hin zu Resilienz – findest Du spannende Antworten und Fallbeispiele in der Oktober-Ausgabe 2025 der Psychologie Heute.
Und wenn Du nicht nur lesen, sondern selbst erleben und lernen möchtest, wie Naturtherapie funktioniert, lade ich Dich herzlich ein, unsere Weiterbildungen kennenzulernen. Hier erfährst Du, wie Du diesen wirksamen Ansatz in Deine eigene Praxis integrieren kannst (auch wenn Du keinen Grünraum vor der Tür hast). 🌱
Jetzt bin ich gespannt auf Deine Gedanken: Welche Chancen und Risiken siehst Du im Arbeiten in der Natur?
Herzliche Grüße und bis bald im Wald! 🌳
Sandra Knümann


