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Biodiversität im Kopf

Biodiversität bzw. biologische Vielfalt sorgt für ökologisches Gleichgewicht. Deshalb beraten im Dezember 2022 bei der UN-Biodiversitätskonferenz in Montreal 200 Staaten über neue Schutzgebiete und insgesamt den Erhalt der Artenvielfalt.

Biodiversität sorgt aber auch für psychologisches Gleichgewicht. Denn das wird gemeinhin vergessen, wenn es um das Thema Natur- und Artenschutz geht: Auch wir Menschen sind Natur und mit Körper, Geist und Seele engstens mit der natürlichen Mitwelt verbunden. 

Welche Bedeutung die Biodiversität für eine gesunde Psyche hat, erfährst Du in diesem Artikel.

Was ist mit Biodiversität/ biologischer Vielfalt gemeint?

Die Begriffe stammen ursprünglich aus der Biologie, werden heute aber vor allem in einem umweltpolitischen Sinne gebraucht. Biodiversität meint den Facettenreichtum an unterschiedlichen Lebensformen und Lebensräumen sowie die genetische Vielfalt von Tieren, Menschen und Pflanzen.

In Zeiten von gentechnisch manipuliertem und patentiertem Saatgut, Zerstörung artenreicher Regenwälder und Verdrängung indigener Kulturen wird die einstmals große Biodiversität unseres Planeten immer weiter dezimiert.

Die Folge ist, dass das ökologische Gleichgewicht zunehmend aus den Fugen gerät. Wo früher eine Vielzahl an Lebewesen dafür sorgte, dass schädliche Einflüsse flexibel ausbalanciert werden können, „kippen“ heute immer mehr Ökosysteme, weil der Mensch zahlreiche Tier- und Pflanzenarten schlicht ausgerottet hat (u.a. 69% der Wildtiere seit 1970! WWF Living Planet Report). Was vielen Entscheidungsträger*innen nicht klar zu sein scheint: Wenn eine Art einmal ausgestorben ist, ist sie unwiederbringlich und für immer verloren!

Biodiversität im Kopf?

Um bei der ökologischen Metapher der Biodiversität zu bleiben: Das „Ökosystem Seele“ umfasst eine Vielzahl an Gefühlen, Fantasien, Wertvorstellungen, Ideen, Wünschen, Erfahrungen, Zielen usw.. Manche dieser „Gewächse“ sind wie schöne Blumen in unserem Garten, z.B. Liebe, Freude, Ideale. Andere, wie z.B. Hilflosigkeit, Neid oder Hass, betrachten wir vielleicht eher als Unkraut, das lieber aus dem Garten verschwinden sollte (s. Artikel „Sei gefälligst glücklich!“)

Es ist ein normaler psychischer Vorgang, dass Erfahrungen abgewehrt werden, die nicht zum eigenen Selbstbild passen. Frei nach dem Motto „Es kann nicht sein, was nicht sein darf“ sortieren wir unbewusst aus, was wir von uns und der Welt wahrnehmen. Zur psychischen Störung wird das erst, wenn die Wahrnehmung dadurch so verzerrt ist, dass eine flexible Anpassung an die Herausforderungen des Lebens schwierig wird.

Denn es ist wie in der Natur draußen: Erst die Gesamtheit macht ein stabiles Ökosystem aus. Alle unsere Facetten und natürlichen Regungen tragen dazu bei, dass wir beweglich und lebendig bleiben. Wenn die Biodiversität dieser psychischen „Lebewesen“ abnimmt (wodurch auch immer), gerät unser seelisches Gleichgewicht aus der Balance. Unser Innenleben wird ärmer, unser Verhalten stereotyper und die Welt erscheint uns eintönig bis bedrohlich.

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Nur eine Metapher oder tatsächliche Wechselwirkung?

Steht nicht die Verarmung der „Umwelt“ in direktem Zusammenhang mit der Innenwelt-Verarmung der menschlichen Seele? Beides bedingt sich doch: Ein Mensch, der in seiner psychischen Erlebens- und Anpassungsfähigkeit eingeschränkt ist, wird aufgrund seiner Kompensations-Mechanismen kaum in der Lage sein, den Wert der Biodiversität zu erkennen und vor allem zu empfinden.

Umgekehrt und positiv formuliert bietet eine artenreiche Naturlandschaft dem Menschen viele unterschiedliche Qualitäten des emotionalen und sinnenhaften Empfindens: Eine Wildblumenwiese kann uns z.B. in ihrer Schönheit auf eine Weise berühren und erfreuen, wie es eintöniges, überdüngtes Grünland nicht kann. Ebenso ein naturnaher Mischwald im Vergleich zur Nadelbaum-Plantage.

Warum braucht die Seele Biodiversität?

Wilde, „unberührte“ Natur ermöglicht uns die Begegnung mit etwas Großem und Verehrungswürdigen. Beim Anblick der Erhabenheit der Natur können wir ehrfürchtig erahnen, dass es Vollkommenheit tatsächlich gibt und dass etwas in der Welt in Ordnung ist. In Anbetracht der vielen Krisen und Verluste, die wir derzeit erleben, kann uns das wieder Hoffnung und Vertrauen ins Leben schenken.

Bewusst erlebte Biodiversität unterstützt zudem die Verwurzelung und das Gefühl der Einbindung – ein menschliches Grundbedürfnis, das in unserer schnellebigen Zeit immer mehr verloren zu gehen droht.

Natürlich können wir auch ohne solche Erfahrungen überleben. Aber in der Summe macht uns der Verlust der Biodiversität seelisch ärmer, weil uns sozusagen die Buchstaben fehlen, aus denen sich das seelische Vokabular zusammensetzt. In der Psychologie ist längst bekannt, dass es einen Zusammenhang zwischen psychischer Gesundheit und dem Reichtum an inneren Bildern gibt. Die unterschiedlichen Qualitäten des Naturraums verleihen dem Seelenleben erst Vielfalt und Farbe.

Welche psychischen Folgen hat die Naturzerstörung?

In der größten wissenschaftlichen Studie über Klimaangst bei Kindern und Jugendlichen gaben 45% von weltweit 10.000 befragten Jugendlichen an, dass die Angst vor dem Klimawandel ihr alltägliches Leben und Funktionieren beeinträchtige (Hickman et al. 2021). 59 % waren sehr besorgt wegen des Klimawandels und 84 % waren zumindest mäßig besorgt. Vorherrschend war der Eindruck, von der eigenen Regierung verraten und im Stich gelassen zu werden. Die Studie warnt davor, dass ein solch hohes Maß an psychischer Belastung und Gefühlen des Verrats die psychische Gesundheit junger Menschen ernsthaft beeinträchtigen könne.

Der australische Philosoph Glenn Albrecht prägte 2005 die Wortneuschöpfung „Solastalgie“ (aus lat. „solacium“ = Zuflucht, Trost und griech. „-algia“ = Schmerz). Damit beschreibt er eine Art Heimweh, die durch Umweltveränderungen wie z.B. Kohle-Tagebau oder das Artensterben verursacht wird. Das Phänomen wurde durch mehrere empirische Studien bestätigt und von der medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“ als ein Beitrag zu den Auswirkungen des Klimawandels auf menschliche Gesundheit und Wohlbefinden gewürdigt (Lancet Commission, 2015).

Da die Gefahren so überwältigend und die individuellen Handlungs-Möglichkeiten so begrenzt sind, bedient sich die Psyche einer Reihe von unbewussten Abwehrmechanismen (z.B. Verleugnung, Intellektualisierung, Projektion, Verschiebung), um die ansonsten unerträgliche Angst nicht ins Bewusstsein gelangen zu lassen. Allerdings ist das aus psychoanalytischer Sicht nur eine Pseudolösung, weil die abgewehrte Angst zu somatischen und psychosomatischen Symptomen führen kann.

Was hat Biodiversität mit Achtsamkeitstraining zu tun?

Die ökologische Krise hat ihre psychische Entsprechung in der Abspaltung des Bewusstseins von der Natur – und zwar sowohl von der uns umgebenden Natur als auch unserer eigenen, menschlichen Natur. Diese Entfremdung bereitet den Boden für die rasante Zunahme von psychischen Erkrankungen. Man könnte auch sagen: Je mehr die „Biodiversität im Kopf“ abnimmt, desto weniger flexibel kann ein Mensch auf seine Umwelt reagieren und desto eher „kippt“ der Organismus und entwickelt Symptome.

Natur-Achtsamkeitstrainer*innen gestalten Erlebensräume, in denen sich die Teilnehmenden als Teil der biologischen Vielfalt und eingebunden in den natürlichen Lebensprozess erfahren können. Ebenso wie die unbekannten Tierchen draußen lernen sie auch ihre inneren „Lebewesen“ kennen und schätzen. Natur-Achtsamkeitstraining schafft also ein Bewusstsein für den Reichtum sowohl der inneren, als auch der äußeren Natur und wirkt somit präventiv gesundheitsfördernd.

Wie bei jedem Achtsamkeitstraining vermitteln auch Natur-Achtsamkeitstrainer*innen ihren Teilnehmenden eine präsente und akzeptierende Haltung zum Leben, die ihnen Stabilität und Flexibilität – auch in Krisenzeiten – schenkt.

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