Psychotherapie und Coaching

„Die Natur ist eine unvergleichliche Führerin“

Was hätte wohl der Schweizer Psychiater C.G.Jung (1875-1961) zur Naturtherapie gesagt? Tilo Speer hat dazu Originalzitate zusammengestellt. Herausgekommen ist ein Interview, das so heute hätte geführt werden können.

Warum leiden die Menschen heute oft unter Neurosen?

Unter den sogenannten neurotischen Patienten unserer Tage gibt es nicht wenige, die in früheren Zeiten nicht neurotisch, das heißt entzweit mit sich selbst, geworden wären. Hätten sie in einer Zeit und in einem Milieu gelebt, wo der Mensch noch durch den Mythus mit der Ahnenwelt und dadurch mit der erlebten und nicht bloß von außen gesehenen Natur verbunden war, so wäre ihnen das Uneinswerden mit sich selber erspart geblieben.

Also haben Neurosen, wie sie so gehäuft auftreten, etwas mit mangelnder Naturerfahrung zu tun?

Natürlich sind Menschen, die von der Natur nichts wissen, neurotisch, denn sie sind an die Wirklichkeiten nicht angepasst. Sie sind noch zu naiv, wie Kinder, und müssen sozusagen aufgeklärt werden darüber, dass sie Menschen sind wie alle anderen. Damit sind Neurotiker allerdings noch nicht geheilt, und gesund können sie nur werden, wenn sie aus dem Alltagsschlamm wieder herauskommen.

Wollen Sie sagen, die Zivilisation steht dem natürlichen und gesundem Menschsein entgegen?

Je zivilisierter, das heißt je bewusster und komplizierter der Mensch aber ist, desto weniger vermag er dem Instinkte zu folgen. Seine komplizierten Lebensumstände und der Einfluss der Umgebung sind so laut, daß sie die leise Stimme der Natur übertönen. Dann treten Meinungen und Überzeugungen, Theorien und Kollektivtendenzen an deren Stelle und unterstützen alle Abwegigkeiten des Bewusstseins. In solchen Fällen muss dem Unbewussten absichtlich Aufmerksamkeit geschenkt werden, damit die Kompensation wirken kann.

Was unterscheidet den Primitiven vom Zivilisationsmenschen?

Der Primitive hat seine Urerfahrung noch nicht in Gegensätze zerrissen. In seiner Welt durchdringen sich noch Geist und Stoff, und Götter wandeln noch durch Wald und Feld. Er ist noch wie ein Kind, erst halbgeboren, noch träumend eingeschlossen in seine Seele, in die Welt, wie sie wirklich ist, noch nicht verzerrt durch die Erkenntnisschwierigkeiten eines dämmernden Verstandes. Aus dem Zerfall der Urwelt in Geist und Natur hat sich der Westen die Natur gerettet, an die er temperamentmäßig glaubt und in die er sich mit allen schmerzhaften und verzweifelten Vergeistigungsversuchen nur immer mehr verstrickte. Der Osten dagegen wählte sich den Geist, den Stoff als Maja erklärend. Aber wie es nur eine Erde gibt, und Osten und Westen die eine Menschheit nicht in zwei verschiedene Hälften zu zerreißen vermögen, so besteht die psychische Realität noch in ursprünglicher Einheit und wartet auf den Fortschritt des menschlichen Bewusstseins vom Glauben ans eine und der Leugnung des anderen zur Anerkennung der beiden als konstitutiver Elemente der einen Seele.

Warum empfinden wir es als heilsam, uns in der Natur aufzuhalten?

Wann immer wir mit der Natur in Berührung kommen, werden wir sauber. Die Wilden sind nicht schmutzig – nur wir sind schmutzig. Domestizierte Tiere sind schmutzig, aber niemals wilde Tiere. Materie am falschen Ort ist Schmutz. Menschen, die durch zu viel Zivilisation schmutzig geworden sind, machen einen Waldspaziergang oder baden im Meer. Sie mögen das auf diese oder jene Weise rationalisieren, aber faktisch werfen sie die Fesseln ab und gestatten der Natur, sie zu berühren. Das kann innerlich oder äußerlich geschehen. Wenn man im Wald spazieren geht, sich ins Gras legt oder ein Bad im Meer nimmt, dann kommt es von außen; wenn man sich in das Unbewusste versenkt oder durch Träume mit sich selbst in Kontakt kommt, dann berührt man die Natur von innen, und das ist dasselbe, die Dinge kommen wieder in Ordnung. All dies ist in früheren Zeiten in Initiationsriten benutzt worden. Es ist alles in den alten Mysterien enthalten, die Einsamkeit der Natur, die Betrachtung der Sterne, der Inkubationsschlaf im Tempel.

Wie würde der Bezug zur Natur denn im Gesunden aussehen?

Durch das wissenschaftliche Verständnis ist unsere Welt entmenschlicht worden. Der Mensch steht isoliert im Kosmos da. Er ist nicht mehr in die Natur verwoben und hat seine emotionale Anteilnahme an Naturereignissen, die bis dahin eine symbolische Bedeutung für ihn gehabt hatten, eingebüßt. Der Donner ist nicht mehr die Stimme Gottes, noch ist der Blitz sein rächendes Wurfgeschoss. Kein Fluss beherbergt einen Geist, kein Baum bedeutet ein menschliches Leben, keine Schlange ist die Verkörperung der Weisheit, und kein Berg ist noch von einem großen Dämon bewohnt. Auch sprechen die Dinge nicht mehr zu uns oder wir mit den Dingen, wie den Steinen, Quellen, Pflanzen und Tieren. Wir haben keine Buschseele mehr, die uns mit einem wilden Tier identifiziert. Unsere direkte Kommunikation mit der Natur ist zusammen mit der damit verbundenen beträchtlichen emotionalen Energie im Unbewussten versunken. Dieser gewaltige Verlust wird durch die Symbole in unseren Träumen kompensiert. Sie bringen unsere ursprüngliche Natur mit ihren Instinkten und eigentümlichen Denkweisen wieder herauf. Leider, würde man sagen, drücken sie ihre Inhalte in der Sprache der Natur aus, die uns fremd und unbegreiflich erscheint. Das stellt uns vor die ungewöhnliche Aufgabe, ihr Vokabular in die verständlichen und rationalen Begriffe und Kategorien unserer gegenwärtigen Sprache zu übersetzen, der es gelungen ist, sich ihrer primitiven Schlacken zu entledigen, nämlich ihrer participation mystique (Verbundenheit, Anm.d.V.) mit den Dingen.

Was können wir konkret tun?

Die Natur ist eine unvergleichliche Führerin, wenn man weiß, wie man ihr zu folgen hat. Sie ist wie eine Kompassnadel, die nach Norden zeigt, was überaus nützlich ist, wenn man ein gut gebautes Schiff hat und es zu steuern versteht. So ungefähr ist die Lage. Wenn Sie dem Fluss folgen, müssen Sie schließlich ans Meer kommen. Nehmen Sie aber das Unbewusste wörtlich, dann bleiben Sie nach kurzer Zeit in einem Engpass stecken und klagen, Sie seien in die Irre geführt worden. Ohne den menschlichen Geist ist das Unbewusste sinnlos. Es verfolgt stets seine kollektiven Ziele und dient nie dem persönlichen Schicksal. Ihr Schicksal ist das Ergebnis des Zusammenwirkens von Bewusstsein und Unbewusstem.

C.G. Jung gilt als einer der bedeutendsten Denker des zwanzigsten Jahrhunderts. Er versuchte die menschliche Natur in all Ihren Facetten zu verstehen und hat so einen starken Einfluss auf die Entstehung der Naturtherapie ausgeübt.

Grundlage dieses „Interviews“ sind Texte von C.G.Jung, gesammelt in dem Buch „Über die Natur – Das vergessene Wissen der Seele“, Walter Verlag 1997

Der Autor Tilo Speer arbeitet seit 2010 in freier Praxis als Therapeut und Coach im Umfeld Natur: www.tilo-speer.de

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