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Psychotherapie im Wald: Positive Effekte eines Settingwechsels

Psychotherapie im Wald - Positive Effekte eines Settingwechsels

Aktuell wird viel zu den gesundheitsförderlichen Wirkungen der Waldluft geforscht. Aber nicht nur physiologisch, sondern auch psychologisch ist der Wald ein heilsamer Ort. Das macht ihn ebenfalls für die Psychotherapie attraktiv. Wie der Wechsel des Settings die therapeutische Arbeit unterstützen und erleichtern kann, zeigt dieser Artikel anhand von 10 Vorteilen.

1. Entspannung und Bewegung

Wer in den Wald will, muss sich bewegen. Dadurch kommt der Kreislauf in Schwung, die Atmung vertieft sich und der Körper mobilisiert stimmungsaufhellende Substanzen wie Noradrenalin, Serotonin und Endorphine.¹ 

Wenn sich der Körper bewegt, bewegt sich der ganze Mensch, auch die Gefühle und Gedanken. Nicht umsonst verordnen Ärzt*innen gegen Depressionen unter anderem mehr Bewegung. Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen zudem, dass der Aufenthalt im Wald eine entspannende Wirkung auf den Menschen hat.² Blutdruck und Herzfrequenz normalisieren sich, der Stresshormonspiegel sinkt. 

Diese Wirkungen treten schon nach wenigen Minuten auf. Immunsystem und Selbstheilungskräfte arbeiten in entspanntem Zustand besser, und wer entspannt ist, hat leichteren Zugang zu seinen psychischen Ressourcen. Auch Therapeuten sind sich untereinander einig, dass sie in Outdoor-Sitzungen wacher und konzentrierter sind und ihnen häufiger kreative Ideen kommen. Selbst der Umgang mit „schwierigen“ Klient*innen falle ihnen leichter bei einem entspannten Waldspaziergang.

2. Flexibilität

Die Begrüßung, der Gang ins Sprechzimmer, die Platzverteilung, die Gesprächseröffnung – diese wiederkehrenden Abläufe besitzen in der Psychotherapie fast schon rituellen Charakter. Eine Therapie, die im Wald stattfindet und bei der sich unerwartete Begegnungen mit Wetter, Tieren oder anderen Menschen ereignen können, widerspricht diesem Ritual vollkommen. 

Das kann nicht nur Klient*innen, sondern auch Therapeut*innen verunsichern. Mit der Verunsicherung einher kann jedoch die Suche nach kreativen Lösungen gehen. So konnte zum Beispiel eine Klientin ihre Angst vor dem Alleinsein im Wald mildern, indem sie die Therapeutin bat, ihr in Sichtweite zu folgen. Ein anderer Klient erkannte bei einem plötzlich einsetzenden Starkregen, dass er ein Vorhaben nicht um jeden Preis zu Ende bringen muss, sondern sich auch die Freiheit nehmen kann, wieder umzukehren. 

Vor dem Hintergrund der Annahme, dass sich psychische Störungen v.a. durch einen Mangel an Flexibilität auszeichnen, sind Klienten im Wald aufgefordert, sich an ständig ändernde Bedingungen anzupassen. Dabei haben sie Gelegenheit, ihre Ressourcen optimal einzusetzen und sich als selbstwirksam zu erleben. Die aktuelle Hirnforschung legt nahe, dass in diesem Zustand gesteigerter Wachheit Nervenverbindungen im Gehirn neu gebahnt werden und sich darüber frische Denk- und Verhaltensweisen etablieren können.³

3. Unmittelbares Erleben

Im Sprechzimmer wird über die Lebenswelt geredet, im Wald wird sie direkt erlebt. Naturerfahrungen sprechen alle Sinne an und berühren Körper, Geist und Seele gleichermaßen. So gelangt mehr „Realität“, mehr Leiblichkeit und Lebendigkeit in die Therapie – sie wird ganzheitlicher. Das sinnenhafte Körpererleben weckt zum Beispiel Emotionen und hilft, die Wahrnehmung zu verfeinern. 

Das kommt dem Realitätssinn zugute und entspricht der zunehmenden Sehnsucht vieler Menschen nach mehr Ursprünglichkeit. Aus der Neurobiologie ist bekannt, dass ganzheitliche Erfahrungen, die möglichst noch mit positiven Emotionen verknüpft sind, besonders leicht verinnerlicht und dauerhaft verankert werden.⁴ Über das unmittelbare leibliche Erleben finden Klienten wieder Zugang zum Selbst und können ihr stabiles inneres Fundament wiederentdecken. 

Für Therapeut*innen kann es zudem diagnostisch sehr aufschlussreich sein, ihre Klient*innen handelnd zu erleben. Denn im direkten Umgang mit der äußeren Natur zeigen sich manchmal Symptome wie Höhenängste oder Zwänge, die die Klienten bislang nicht berichtet hatten – sei es aus Scham oder weil sie sie nicht als störend empfinden.

4. Perspektivenwechsel

Der durchschnittliche Mitteleuropäer verbringt nur etwa zehn Prozent des Tages unter freiem Himmel.⁵ Ein Aufenthalt im Wald dürfte für die meisten ein noch selteneres Ereignis sein. Der Wechsel in eine solch ungewohnte Situation bringt Klient*innen aus dem „Konzept“ und irritiert ihre gewohnten Denk- und Verhaltensmuster. Sich auf diese Weise außerhalb des gewohnten Umfelds und seiner Verstrickungen zu bewegen, macht es ihnen leichter, sich den wesentlichen Themen des Lebens zu widmen. Denn in der Natur scheint alles einen Sinn und jedes Lebewesen seinen Platz zu haben. 

Diese Erkenntnis eröffnet eine existenzielle Sichtweise auf das eigene Leben. „Wer bin ich?“, „Was ist meine Bestimmung?“ und „Wie will ich leben?“ sind Fragen, die zwangsläufig auftauchen, wenn man sich dem bewussten Naturerleben über einen längeren Zeitraum hingibt. In einer sinnhaften, real erlebbaren Umgebung ist es auch schwieriger, den lähmenden Nihilismus aufrechtzuerhalten, unter dem viele depressive Klient*innen leiden. 

In einer schweren Depression erscheint alles sinnlos, sogar die alltäglichsten Dinge wie Essen oder Körperpflege. Bei einer Sitzung im Wald leuchtet es hingegen unmittelbar ein, dass es sinnvoll ist, sich wetterangepasst zu kleiden, Brennnesseln zu meiden oder auch nur einen Fuß vor den anderen zu setzen.

5. Beziehungsfähigkeit und -gestaltung

Therapeutisch eingebettetes Naturerleben verfeinert die Wahrnehmung und sorgt damit für einen besseren Kontakt zu sich selbst und anderen. Indem die Klienten ihre Spür- und Erlebensfähigkeit vertiefen, werden sie offener für neue Eindrücke sowie alternative Sicht- und Seinsweisen – auch im Alltag. 

Der/die Therapeut*in wird außerdem bei einem Waldspaziergang als Person greifbarer und auch angreifbarer. Wie genießt sie das Leben an einem strahlenden Frühlingstag? Und wie handelt sie, wenn das Wetter unangenehm wird, im Wald Schüsse fallen oder ein verletztes Tier am Weg liegt? 

Für den/die Klient*in können sich hieraus wertvolle Erfahrungen ergeben, die sowohl als Vorbild dienen als auch einer Idealisierung entgegenwirken können. Die Klient*in mag auch die Frage beschäftigen, ob der/die Therapeut*in für Sicherheit sorgen wird und welches Verhalten von ihr oder ihm im Wald erwartet wird. Deutlicher als in einer Indoor-Sitzung treten die Themen Vertrauen, Fürsorge und Selbstfürsorge zutage.

6. Symbol- und Metaphernreichtum

Zum Symbol wird ein Naturgegenstand, wenn der/die Klient*in ihn unbewusst mit einem geistigen Inhalt, einem Sinn, zusammenbringt und somit mehr als das Offensichtliche darin sieht.

Dieser „Bedeutungsüberschuss“ ist deutlich spürbar: Ein Klient trifft zum Beispiel auf eine Pflanze, die ihn seltsam anrührt, und fühlt sich veranlasst, sich näher mit ihr zu beschäftigen. Im Verlauf bemerkt er, dass es ihre Stacheln sind, die ihm besonders auffallen. Die Pflanze wirkt auf ihn selbstbewusst und wehrhaft – zwei Eigenschaften, die der Klient gerade im Begriff ist, in sich selbst zu entfalten.

Über die Auseinandersetzung mit dem Symbol wird er sich seines eigenen Entwicklungsprozesses bewusst. Ähnliches erleben Klient*innen, die sich mit einer Frage an die Natur wenden und in einer symbolträchtigen Begegnung die Antwort finden. Ein Klient, der sich mit seiner Krebsdiagnose isoliert fühlte, fand zum Beispiel einen Baum mit fünf Stämmen, der ihn an sich und seine Familie erinnerte. Ihm wurde bewusst, dass er sich in diesem Kreis geborgen und fest verwurzelt fühlte. Daraus entstand der Wunsch, häufigeren Kontakt mit seinen Angehörigen zu pflegen.

In diesem Sinne bietet die Naturerfahrung keine Lösungen, jedoch Lösungsmetaphern, die auf den nächsten Schritt hinweisen können.

7. Handlungsorientierung und Alltagsbezug

Eine Therapie im Wald mutet den Klient*innen viel zu, mobilisiert und erweitert den Handlungsspielraum. Dies kann sich auch im Alltag antriebssteigernd auswirken und zu einem gesundheitsfördernden Lebensstil beitragen. Wer regelmäßig mit seinem/seiner Therapeut*in draußen unterwegs ist, dem fällt es leichter, auch im privaten Umfeld spazieren zu gehen.

Viele Klient*innen schätzen zudem, dass sie den Wald auch selbstständig aufsuchen können. Der „therapeutische Ort“ wird so Teil der Alltagswelt und kann immer wieder zur Stabilisierung und Vertiefung genutzt werden, auch nach Abschluss der Therapie.

Nicht zu vernachlässigen ist der Vorteil einer erhöhten Selbstfürsorge. Häufig sind Klient*innen nicht gewohnt, gut auf sich aufzupassen. Bei den Waldsitzungen ist es jedoch notwendig, sich zum Beispiel vor Kälte oder Zecken zu schützen, ansonsten drohen gesundheitliche Konsequenzen. Von den Therapiestunden im Wald kann sich selbstfürsorgliches Verhalten allmählich auf den Alltag ausweiten.

8. Psychohygiene für Therapeuten

Viele Psychotherapeut*innen leiden heute unter einer permanenten Überforderung, da der steigenden Zahl der Hilfesuchenden nur ein geringes Stundenkontingent gegenübersteht. Der chronische Stress fordert seinen Tribut mit den bekannten gesundheitlichen Folgen, bis hin zu einer erhöhten Suizidgefährdung.⁶ Die erholsamen Effekte eines Waldaufenthalts können daher auch den Therapeut*innen Entlastung verschaffen.

So ergibt es sich zum Beispiel häufig, dass der/die Therapeut*in allein auf einer Bank sitzt, während der/die Klient*in in der Umgebung unterwegs ist. Aufgrund der zahlreichen gesundheitsförderlichen Faktoren im Wald können Therapien nicht nur weniger anstrengend, sondern mitunter auch früher abgeschlossen werden. So wird schneller Platz frei für neue Klient*innen und die Wochenarbeitszeit lässt sich unter Umständen sogar stressfrei erhöhen.

9. Wirtschaftliche Vorteile

Während Psychotherapeut*innen mit Kassenzulassung in Deutschland nicht unter mangelnder Nachfrage leiden, sieht es bei ihren privat abrechnenden Kolleg*innen deutlich schlechter aus. Sie stehen in einem unüberschaubaren Psycho- und Beratungsmarkt, auf dem sie um Selbstzahler und Privatpatient*innen konkurrieren müssen.

Eine Psychotherapie im Wald anzubieten, kann hier ein attraktives Alleinstellungsmerkmal sein. Hinzu kommt, dass sich in der praktischen Arbeit eine längere Sitzungsdauer als sinnvoll erwiesen hat. Während Kassen-Therapeut*innen ihre zahlreichen Klient*innen standardmäßig auf 50 Minuten verteilen müssen, können freie Therapeut*innen ihre geringere Klientenzahl finanziell durch längere Sitzungen ausgleichen.

Ebenfalls vorteilhaft: Das deutsche Heilpraktikergesetz verbietet zwar eine Berufsausübung „im Umherziehen“, sofern jedoch eine feste Adresse vorhanden ist, können Heilpraktiker*innen ihrer Arbeit auch ausschließlich im Wald nachgehen. So lassen sich die Kosten für Praxisräume einsparen.

10. Zeitgemäße Antwort

Angesichts der gravierenden Umwelt- und Gesundheitsprobleme kommt auch die Psychotherapie nicht mehr umhin, die existenzielle Verwobenheit des Menschen mit der natürlichen Umwelt zu berücksichtigen. So hat die ökologische Krise ihre psychische Entsprechung in der Abspaltung des Bewusstseins von der Natur – und zwar sowohl von der uns umgebenden Natur als auch unserer eigenen, menschlichen Natur.

Eine waldbezogene Therapie kann dieser Entfremdung gezielt entgegenwirken. Indem die Klient*innen sich als eingebunden in die Natur erleben und den Wald als heilsamen Ort erfahren, wächst auch ihre Bereitschaft, sich für den Schutz der Natur einzusetzen. Nur wer den Wald bewusst wahrnimmt, kann erkennen wie schlecht es um ihn steht. Und nur wer psychisch gesund ist, kann seine Fähigkeiten im Einklang mit sich und der Welt zur Veränderung einsetzen. 

Wie genau Du den Settingwechsel dann tatsächlich schaffst – auch wenn sich Deine Praxis in der Innenstadt befindet, erfährst Du im Seminar „Naturerfahrungen in der Psychotherapie“.

20.02.2026 | 19:00 – 21:15 Uhr | Online via Zoom

Naturerfahrungen in der Psychotherapie (4 CME-Punkte)

Für Psychotherapeut*innen, Heilpraktiker*innen für Psychotherapie, Coaches und psych. Berater*innen, die mit der Natur arbeiten wollen.

Was empfindest Du im Wald als besonders heilsam und hilfreich für die Psychotherapie? Ich freue mich auf Deinen Kommentar!

Herzliche Grüße und bis bald im Wald! 🌳

Sandra Knümann

Quellen:

¹ Myers, D. (2014). Psychologie. Springer-Lehrbuch. Berlin
und Heidelberg: Springer.

²Spitzer, M. (2017). Natur: Geschützt, gesund und teuer! Nervenheilkunde 36, 689-694. http://www.schattauer.de/
de/magazine/uebersicht/zeitschriften-a-z/nervenheilkunde/
inhalt/archiv/issue/2519/issue/special/manuscript/27858/
show.html.

³Storch, M.,Cantieni, B., Hüther, G., Tschacher, W. (2010). Embodiment. Die Wechselwirkung von Körper und Psyche verstehen und nutzen. Bern: Hans Huber.

⁴Storch, M.,Cantieni, B., Hüther, G., Tschacher, W. (2010). Embodiment. Die Wechselwirkung von Körper und Psyche verstehen und nutzen. Bern: Hans Huber.

⁵BMUB Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau
und Reaktorsicherheit. http://www.bmub.bund.de/themen/
gesundheit-chemikalien/gesundheit-und-umwelt/innenraumluft/kurzinfo-innenraumluft/

⁶ Lochthowe, T. (2008). Suizide und Suizidversuche bei verschiedenen Berufsgruppen. Dissertation Julius-Maximilians-Universität Würzburg. https://opus.bibliothek.uni-wuerzburg.de/frontdoor/index/index/docId/3711

Dieser Artikel erschien zuerst in der Ausgabe 2017-4 der Zeitschrift „GreenCare“

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