Im Dezember liegt der Schwerpunkt in der laufenden Naturtherapie-Ausbildungsgruppe immer auf der „Natur als Freiraum“.
Die Teilnehmenden erkunden das freie Umherstreifen und seine Bedeutung für den psychotherapeutischen Prozess. Und zwar direkt bei sich vor Ort, wo sie auch später arbeiten werden und jetzt erste Erfahrungen mit Übungsklient*innen sammeln! 🤩
Die fünf Naturzugänge der Achtsamkeitsbasierten Naturtherapie
Ein Wort vorweg zur Einordnung: Der Naturraum ist in einer Natur(psycho)therapie nie „einfach nur so“ da, sondern wird von der/dem Naturtherapeut*in auf eine bestimmte Weise konzipiert, damit er psychotherapeutisch wirksam werden kann. In der staatlich zugelassenen Online-Weiterbildung mit Praxisschwerpunkt vermittle ich fünf unterschiedliche Naturzugänge und ihre jeweiligen Interventionen:
- Natur als Übungsraum
- Natur als Freiraum
- Natur als Ritualraum
- Natur als Wandlungsraum
- Natur als Gestaltungsraum
Jeder Naturzugang eröffnet einen anderen Erfahrungsraum. Mal wird die natürliche Umgebung zu einem Übungsfeld für Achtsamkeits-Praxis, mal zum antwortenden Gegenüber, mal zum Materiallager und Werkraum. Im Naturzugang „Natur als Freiraum“ geht es v.a. um den freien Selbstausdruck und die Freiheit, die emotional gespürt und existenziell erfahren werden kann.
Natur als "Gegenwelt" zum Alltag
In unserer Sprache drückt sich schon aus, dass Menschen den Naturraum als Befreiung von räumlicher Enge und gesellschaftlichen Zwängen erleben. Wir sagen:
🌞 „Die freie Natur“
🌞 „Im Freien sein“
🌞 „Unter freiem Himmel“
Die umweltpsychologische Attention Restoration Theory (Kaplan & Kaplan, 1989) hebt das weg-Sein aus dem Alltag („being away“) als einen wichtigen Faktor für kognitive Erholung hervor. Allein schon durch einen entspannteren Zustand und eine leicht gelockerte Ich-Struktur draußen im Grünen werden neue und therapiewirksame Erfahrungen eher möglich.
Das Instrument der freien Naturerfahrung beinhaltet aber nicht nur Befreiung von Anspannung, gesellschaftlichen und eigenen Ansprüchen, sondern auch von Zielen und Aufgaben. Deshalb ist es wichtig, bei der Anleitung keine Regeln vorzugeben und nicht von „Übung“ oder „Methode“ zu sprechen. Stattdessen lädt die/der Naturtherapeut*in dazu ein, sich für einige Stunden maximal „freizugeben“. (Wie die Anleitung genau erfolgen sollte, wie der therapeutische Rahmen abgesteckt wird und welche Sicherheitsvorkehrungen zu treffen sind, ist Inhalt unserer Ausbildung zur/zum Naturtherapeut*in).
Was geschieht bei der freien Naturerfahrung?
Die Natur ist ein Erfahrungsraum, in dem Klient*innen sich leichter von ihrem Alltags-Ich „freigeben“ können. Denn der Naturraum spricht weniger die Strukturen der Alltagspersönlichkeit an („funktionieren“, konstruieren, reflektieren, bewerten, einordnen etc.) als vielmehr die Ebene des primären (Er)Lebensprozesses.
Dementsprechend ist die freie Naturerfahrung in der Naturtherapie vergleichbar mit dem „freien Assoziieren“ der Psychoanalyse. Sie hilft, für einige Zeit das starre Gehäuse des Alltags-Ich zu verlassen und bietet einen Freiraum für den überzivilisierten Menschen unserer Zeit. Bislang unbekannte Impulse, Bedürfnisse und Selbstaspekte können auftauchen und integriert werden.
Spannend für die Psychotherapie: Sobald Klient*innen sich allein in der Natur aufhalten, laufen ihre charakteristischen Abwehrmechanismen und Schutzhaltungen „ins Leere“, denn es gibt niemanden, auf den sie gewohnheitsmäßig reagieren oder ihm etwas beweisen müssten. Wenn Klient*innen die Situation trotzdem in gewohnter Weise inszenieren, weist das auf ein rigides Muster hin, das nicht an die Situation angepasst ist.
Fallbeispiel:
Eine sehr kontrollierte und leistungsorientierte Frau im Burnout-Prozess setzt sich bei ihrer freien Naturerfahrung gewohnheitsmäßig das Ziel, eine bestimmte Strecke in einer bestimmten Zeit zurückzulegen. Obwohl der Weg steil ist und sie an mehreren Sitzgelegenheiten vorbeikommt, gönnt sie sich keine Pause. Als sie am Ziel ankommt, bemerkt sie erschöpft, wie ihr „innerer Antreiber“ sie grundlos gehetzt hat, obwohl nun noch viele freie Stunden vor ihr liegen. In der anschließenden therapeutischen Nacharbeit könnte man z.B. daran anknüpfen, wie sich die Klient*in dabei erlebt hat und welche psychische Funktion das „Getriebensein“ erfüllt.
(Ausführliche Fallgeschichten in meinem Fachbuch „Naturtherapie – Mit Naturerfahrungen Beratung und Psychotherapie bereichern“)
Was machen Klient*innen, wenn sie sich in der Natur frei geben?
(Alles echte Erzählungen von Klient*innen oder Teilnehmenden!)
Vor sich hin summen oder singen, Walzer tanzen, barfuß durch Matsch gehen, Bäume umarmen, Baumrinde ablecken, Purzelbaum schlagen, sich im Hüpferlauf fortbewegen, mit Tieren und Pflanzen sprechen, sich ausziehen, verweilen und „einfach so“ dastehen, Selbstgespräche führen, sich auf die Erde legen, barfuß durch den Bach waten, schwere Steine schleppen, mit Stöcken schlagen und Füßen treten, sich schütteln, schlafen, schreien, schluchzen, lachen, weinen, schimpfen, uvm.
Kurz: Sie folgen ihren Impulsen und tun das, wozu sie ihre innere und die äußere Natur gerade drängt.
Die Natur wird zum Freiraum, in dem Klient*innen ganz bei sich selbst sein, sich selbst erleben und auch „ausleben“ können. Dabei treten oft neue Seiten zutage, die die Klient*innen von sich kaum kennen oder die sie lange unterdrücken mussten. Im anschließenden Therapiegespräch bergen wir diese Erfahrungen behutsam und machen das unbewusste Material für den seelischen Entwicklungsprozess verfügbar.
Für mich ist es in der Naturtherapie immer wieder spannend zu erleben, wie aus Impulsen, die der Verstand nicht einordnen kann, eine sinnvolle und heilsame Bewegung entsteht. Wie z.B. aus dem Bedürfnis, sich hinzulegen, ein tiefes Loslassen wird, bei dem der Mensch über viele Jahre festgehaltene Spannungen an die Erde „abgibt“ und sich erstmals wieder getragen, gehalten und eingebunden fühlt. (30 Vorteile von Naturerfahrungen in der Psychotherapie findest Du in meinem kostenlosen Guide zum Download)
Die Bedeutung der Dauer
Die Wirkung einer freien Naturerfahrung lässt sich gut dosieren, indem man die Dauer langsam aufbaut. Wenn das freie In-der-Natur-sein zu kurz ist, bleiben die gewohnten Abwehrmechanismen gegen das unmittelbare Erleben oft bestehen. Die Klient*innen machen dann z.B. einen gewöhnlichen Spaziergang, betrachten die Natur aus der Distanz und hängen ihren Gedanken nach.
Eine Dauer von 3 Stunden kann dieses Muster schon unterbrechen. Hier besteht die Chance, dass sich Langeweile einstellt und daraus ganz neue Handlungsimpulse entstehen. Das Selbst bekommt mehr Spielraum und die übermäßige Ich-Spannung lässt nach. Klient*innen können einfach so da sein, wie sie sind und sich als Naturwesen erleben, d.h. in ihrem existenziellen „Gegebensein“.
Die Dauer von einem ganzen Tag von Sonnenaufgang bis -untergang ermöglicht ein tiefes Eintauchen in den erholsamen Sein-Modus (im Gegensatz zum alltäglichen Tun-Modus) und bietet eine Fülle an unbewusstem Material für die Psychotherapie. Eine freie Naturerfahrung ist ebenfalls über mehrere Tage möglich.
Wichtig ist, dass die/der Therapeut*in genügend Erfahrung durch professionell begleitete Selbsterfahrung gesammelt hat, z.B. in der berufsbegleitenden Praxis-Weiterbildung in DEINER Natur.
Nacharbeit
In der Regel weicht das freie Erleben in der Natur erheblich von dem ab, was sich die Klient*innen im Vorfeld vorgestellt hatten. Welche Erfahrungen jemand von seinen Streifzügen mitbringt, ist auch für die/den Naturtherapeut*in nicht absehbar. Der offene Raum fördert meist eine Fülle an neuen, ungewohnten Erfahrungen und unbewusstem Material zutage, das reichhaltiges Potenzial für Diagnostik und Therapie bietet.
Strukturmerkmale der Persönlichkeit, Abwehrmechanismen und -dynamiken, Mangelzustände, verdrängte innerpsychische Konflikte, Ressourcen und numinose Erfahrungen können in der freien Naturerfahrung zum prägenden Bestandteil des Erlebens werden. Oft entdecken Klient*innen in der Natur auch Allegorien und Symbole für ihre aktuelle Lebenssituation, die ihnen neue Perspektiven eröffnen.
Dies alles gilt es mit der/dem Klient*in behutsam zu bergen und dem Bewusstsein verfügbar zu machen. Dazu nutzt die/der Therapeut*in das Instrument des Spiegelns und hebt damit einerseits Äußerungen des Selbst hervor und widerspricht andererseits einschränkenden Selbstbildern. Idealerweise entsteht so für Klient*innen ein zusammenhängendes, sinnhaftes Bild, das mit ihrem inneren Erleben übereinstimmt.
Wofür sind freie Naturerfahrungen geeignet?
Diese Intervention eignet sich besonders zur Lockerung rigider Charakterstrukturen, Erweiterung des persönlichen „Spielraums“ (z.B. im Burnout-Prozess), Unterstützung von Lebensübergängen und allgemein zur Personwerdung und Integration unbewusster Anteile des Selbst. Die Klient*innen sollten dafür gut strukturiert sein, möglichst auch schon etwas geübt im „Ansprechen lassen“ und der PAN-Praxis® (unser naturbezogener Achtsamkeits-Ansatz).
🤓 Mehr darüber lesen? In meinem Buch „Naturtherapie“ auf S. 94 ff.
Jetzt bin ich gespannt auf Deine Gedanken zur Intervention „Freie Naturerfahrung“! Was spricht Dich an, was schreckt Dich ab – als Klient*in oder Therapeut*in?
Herzliche Grüße und bis bald im Wald! 🌳
Sandra Knümann


