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Mehr Natur in die Psychotherapie! – Vom Aufbruch der Naturtherapie

Mehr Natur in die Psychotherapie! - Vom Aufbruch der Naturtherapie

Ein Spaziergang mit der Therapeutin, Gartenarbeit in der Gruppe oder eine Nacht allein im Wald – Psychotherapie unter freiem Himmel hat viele Gesichter und will vor allem eines: Menschen wieder verbinden mit der (eigenen) Natur.

Der Artikel skizziert die Entstehung und gegenwärtige Situation der Naturtherapie im deutschsprachigen Raum.

Naturtherapie im Kontext unserer Zeit

Angesichts der drängenden Umwelt- und Gesundheitsprobleme unserer Zeit kommt auch die Psychotherapie nicht mehr umhin, die existenzielle Verbundenheit des Menschen mit der natürlichen Umwelt zu berücksichtigen.

So hat die ökologische Krise ihre psychische Entsprechung in der Abspaltung des Bewusstseins von der Natur – und zwar sowohl von der uns umgebenden Natur als auch von unserer eigenen, menschlichen Natur. Als Folge dieser Entfremdung fehlt es dem überzivilisierten Menschen an einem Gefühl des sicheren Eingebundenseins in den Lebensprozess (der er ja auch selber ist).

Das macht ihn anfälliger für psychische Störungen.

Die Naturtherapie wirkt dieser Entfremdung gezielt entgegen und integriert damit einen Aspekt des Menschen, den die Psychotherapie lange ausgeblendet hatte.

Als Spiegelbild ihrer Zeit konzentrierte sich die Psychotherapie anfangs vor allem auf innerpsychische Prozesse. Später folgte die Erweiterung auf zwischenmenschliche Interaktionen und Familiensysteme. Seit Kurzem wird auch die Körperlichkeit des Menschen stärker einbezogen.

Wer heute als Therapeut*in sowohl ein umfassendes Verständnis vom Menschen in seinen Zusammenhängen anstrebt als auch der Naturentfremdung effektiv entgegenwirken will, sollte seinen Blickwinkel abermals erweitern und auch die ökologisch-existenzielle Perspektive einbeziehen.

Frühe „Naturtherapien“

Als Vorläufer der heutigen Naturtherapien können unter anderem die schamanischen Heilrituale sogenannter Naturvölker gelten. Im alten Griechenland finden sich naturverbundene Wege zum Seelenheil beispielsweise bei Epikur (ca. 341 v. Chr. – 271 v. Chr.), der mit seinen Schülern im Garten lebte und philosophierte.

Im deutschsprachigen Raum existieren seit gut 200 Jahren unterschiedlichste Bestrebungen, die direkte Naturerfahrung für Zwecke der Persönlichkeitsentwicklung und seelischen Heilung einzusetzen. Beispielhaft seien hier die psychiatrische Reformbewegung Ende des 18. Jahrhunderts genannt, die therapeutisches Gärtnern in die bis dahin eher verwahrenden psychiatrischen Krankenhäuser einbrachte, sowie die Erlebnistherapie nach Kurt Hahn aus den 1930er-Jahren, die sich heute unter dem Namen Erlebnispädagogik etabliert hat. Auch Sigmund Freud soll schon mit einzelnen Patient*innen spazieren gegangen sein.

Der erste professionelle Psychotherapeut, der Naturerfahrungen systematisch in seinen therapeutischen Ansatz integrierte, war der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung (1875–1961). Die von ihm entwickelte Analytische Psychologie setzte zwar größtenteils auf die klassische Therapie im Behandlungszimmer, er empfahl seinen Patient*innen jedoch ebenso, sich regelmäßig vom „Alltagsschlamm der Zivilisation“ zu reinigen, um Neurosen den Nährboden zu entziehen.

„Wann immer wir mit der Natur in Berührung kommen, werden wir sauber.“¹

Dabei legte Jung Wert darauf, dass der Mensch ebenfalls Natur sei und durch die Erfahrung der äußeren Natur wieder zu seiner inneren Natur zurückfinden könne.

„Menschen, die durch zu viel Zivilisation schmutzig geworden sind, machen einen Waldspaziergang oder baden im Meer. Sie mögen das auf diese oder jene Weise rationalisieren, aber faktisch werfen sie die Fesseln ab und gestatten der Natur, sie zu berühren. Das kann innerlich oder äußerlich geschehen. Wenn man im Wald spazieren geht, sich ins Gras legt oder ein Bad im Meer nimmt, dann kommt es von außen; wenn man sich in das Unbewusste versenkt oder durch Träume mit sich selbst in Kontakt kommt, dann berührt man die Natur von innen, und das ist dasselbe – die Dinge kommen wieder in Ordnung.“²

Viele Wege – ein Ziel

Der Begriff „Naturtherapie“ ist rechtlich nicht schutzfähig, das heißt, jeder kann sich Naturtherapeut*in nennen. So kommt es, dass unter dieser Bezeichnung heute viele Richtungen firmieren, die sich zum Teil stark voneinander unterscheiden.

Die bekanntesten im deutschsprachigen Raum sind die

  • Achtsamkeitsbasierte Naturtherapie nach Sandra Knümann
  • die existenzialpsychologische Naturtherapie nach Wernher Sachon
  • die systemische Naturtherapie nach Kreszmeier und Hufenus
  • die integrative Naturtherapie nach Petzold und Orth.

Ihnen allen gemeinsam ist die Auffassung, dass intensive Naturerfahrungen dazu geeignet sind, die geistig-seelische Gesundheit zu erhalten oder wiederherzustellen. Unterschiede ergeben sich aus der jeweiligen theoretischen Einbindung. So nutzt jede Therapierichtung den Erlebensraum Natur in spezifischer Weise:

Die existenzialpsychologische Naturtherapie fokussiert auf das Selbst- und Naturerleben im Kontext einer emotional bedeutsamen, dialogischen Therapiebeziehung und wird sowohl im Einzel- als auch im Gruppensetting eingesetzt. Der Vorgang der therapeutischen Veränderung wird als Entwicklungs- und Wachstumsprozess konzipiert, daher versteht sich diese Naturtherapie nicht als störungs-, sondern als personzentriert. Typische Interventionen sind freie Naturerfahrungen, Übergangs- und Heilungsrituale, Wahrnehmungsübungen, kreatives Gestalten mit Naturmaterial u. v. m.

Die systemische Naturtherapie achtet besonders auf die (Wieder-)Verbindung der drei Ebenen Körper (sensomotorisch-physisch), Psyche (emotional-mental) und Seele (spirituell-geistig) sowie auf den lebendigen Ausgleich zwischen diesen Ebenen. Dazu ist der/die Therapeut*in mit Einzelnen oder Gruppen für kurze Sitzungen oder mehrere Tage in „passenden“ Naturräumen unterwegs. Als Interventionen werden unter anderem Kreativ-Techniken, Arbeit mit den vier Elementen, rituelle Gestaltung, Systemaufstellungen und Mythenspiel eingesetzt.

Die integrative Naturtherapie versteht sich als Oberbegriff für Garten-, Landschafts-, Wald- und tiergestützte Therapie, deren Methoden sie kombiniert. Die eigentlichen therapeutischen Maßnahmen sind eingebettet in Aktivitäten wie gemeinschaftliches Gärtnern, Wandern oder Waldarbeit, sodass die Therapie „wie beiläufig“ erfolgt. Die Klient*innen sollen Freude an sich selbst, am Mitmenschen und an der Natur erleben und so dauerhaft einen gesundheitsfördernden Lebensstil mit guter Selbstfürsorge, viel Naturkontakt und einem stabilen sozialen Netzwerk entwickeln.

Die Achtsamkeitsbasierte Naturtherapie verknüpft das therapeutische Potenzial des Naturerlebens mit der Praxis der Achtsamkeit. Wichtige Einflüsse stammen aus der buddhistischen und der humanistischen Psychologie. Im Mittelpunkt steht das akzeptierende Gewahrsein der gegenwärtigen Erfahrung, sei es auf „innere“ (Gedanken, Gefühle, Körperempfindungen), „äußere“ (Naturerfahrungen) oder „relationale“ Phänomene (Beziehung und Interaktion) bezogen. Achtsamkeit als Übungsweg stellt die zentrale „Intervention“ dieser Therapieform dar, das heißt, sowohl Therapeut als auch Klientin praktizieren Achtsamkeit in der naturtherapeutischen Sitzung und im Alltag. Das personzentrierte Beziehungsangebot des Therapeuten unterstützt den natürlichen Entwicklungsprozess der Klient*innen und hilft so, seelisches Leiden zu überwinden.

Neben diesen vier psychotherapeutischen Richtungen gibt es noch verschiedene Ansätze des Natur-Coachings, die meist auf eine Begleitung in Lebensübergängen ausgerichtet sind.

Welche Naturtherapie-Richtung für wen geeignet ist, hängt übrigens kaum vom „Problem“ der Hilfesuchenden ab, sondern vielmehr von der Übereinstimmung mit ihrer Weltanschauung, den persönlichen Vorlieben und nicht zuletzt von der Person des/der Therapeut*in. Schließlich ist einer der wichtigsten Faktoren für eine erfolgreiche Psychotherapie die „Chemie“ zwischen Klient*in und Therapeut*in. Wenn sie eine vertrauensvolle Beziehung miteinander eingehen können und beide davon überzeugt sind, dass das gewählte Verfahren helfen wird, dann stehen die Chancen gut, dass die Therapie auch erfolgreich ist.

So haben Wirkungsstudien ergeben, dass nur etwa 15 % des Therapieerfolgs von der Therapiemethode abhängen, 30 % hingegen von der Beziehung. 40 % sind als extratherapeutische Faktoren dem persönlichen und natürlichen Umfeld des Klienten zuzuschreiben und 15 % dem Placeboeffekt.³

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Verortung in der heutigen Psychotherapie-Landschaft

Naturtherapie ist eine spezialisierte Therapieform, vergleichbar mit Kunst- oder Tanztherapie. Im medizinischen Kontext wird sie daher nicht als eigenständige Behandlungsform geführt, sondern gilt als „psychotherapeutisches Ergänzungsverfahren“. Als solches kann eine Naturtherapie in Kliniken zusätzlich zu Psychotherapie und Psychopharmaka bei der Behandlung psychischer Störungen eingesetzt und in Deutschland auch von der gesetzlichen Krankenkasse finanziert werden.

Wer dagegen ambulant einen Naturtherapeuten aufsucht, muss die Kosten in der Regel privat tragen. Eine Liste von Kliniken mit naturtherapeutischem Angebot findet sich unter: Kliniken mit Naturtherapie 

Welche Naturtherapie-Richtung spricht Dich besonders an? Schreib es gern in die Kommentare!

Herzliche Grüße und bis bald im Wald! 🌳

Sandra Knümann

Quellen:

¹ Jung, 1991, S. 172
² ebd.
³ Asay, T. P.& Lambert, M. J. (1999). The empirical case for the common factors in therapy: Quantitative findings. In M. A. Hubble, B. L. Duncan & S. D. Miller (Hrsg.), The heart and soul of change: What works in therapy (S. 23-55). Washington, DC: American Psychological Association.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Ausgabe 2018-1 der Zeitschrift „GreenCare“

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