Entspannung und innere Ruhe

Sei gefälligst glücklich!

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Beim Blick über die Auslage der Bahnhofsbuchhandlung fallen mir v.a. die hübschen Titelseiten der „spirituellen“ Mindstyle-Zeitschriften ins Auge. Die Titelfotos zeigen leicht überbelichtete Landschaften und verträumt lächelnde Menschen, gerne umrahmt von indischen Ornamenten und geschwungenen Schriftarten. Die Überschriften verheißen das pure Glück: „Spirituelle Symbole für mehr Freude, Energie und Glück“, „Finde, was dich wirklich erfüllt“, „Kochrezepte für mehr Lebensfreude“ oder ganz auf den Punkt gebracht: „Es ist so einfach, glücklich zu sein“. Abgesehen davon, dass diese Zeitschriften die Sehnsucht vieler Menschen nach einem leichteren Leben aufgreifen (und kommerziell verwerten): Sie feuern diese Sehnsucht auch ordentlich an. Als Leserin bekommt man die Botschaft vermittelt: „Glücklichsein ist möglich, also sei gefälligst auch glücklich (und zwar am besten immer und überall)!“ Nun ist daran ja zunächst nichts Verwerfliches. Jeder möchte doch ein glückliches Leben führen. In meiner Arbeit als Therapeutin begegnen mir aber immer häufiger die fatalen Folgen dieser kollektiven „Pflicht zum Glück“.

Zum Glück verpflichtet

Mit ein paar guten Ratschlägen aus den Zeitschriften ist es nämlich nicht getan. Was ist mit den Menschen, die sich trotzdem nicht so recht glücklich fühlen? Zumindest nicht immer und überall. Sie leiden daran, dass sie nicht so fröhlich und zufrieden durchs Leben gehen, wie sie selbst und andere es von ihnen erwarten. Im Grunde tragen sie eine doppelte Last: ihre nicht-glücklichen Gefühle und zusätzlich das Leiden daran, „unnormal“ zu sein. Denn: „Es ist so einfach, glücklich zu sein“. Schon seit einigen Jahren beobachte ich, dass die Toleranz für unangenehme Gefühle in unserer Gesellschaft immer geringer wird. Da sitzen in den Therapiestunden Menschen vor mir, die erwarten, nach dem Verlust eines geliebten Menschen durch Tod oder Trennung innerhalb von 3 Monaten wieder „gut drauf“ zu sein. Oder andere, die von sich verlangen, Freunden und Familie nicht „die gute Laune zu verderben“. Selbst wenn das bedeutet, sich ständig verstellen zu müssen, damit niemand merkt, wie es wirklich in ihnen aussieht. Manche haben solche Angst vor ihren Gefühlen, dass sie alles zurück halten und sich nicht einmal in stillen Stunden erlauben zu weinen.

Flurbereinigung der Gefühle

In früheren Zeiten war die Toleranz für unangenehme Gefühle größer. Die Literatur z.B. ist voll von dramatischen Seelenzuständen ihrer Helden. In der Epoche der Romantik schwelgte man geradezu in Seelenqualen und zelebrierte sie ausgiebig in Literatur, Malerei und Musik. Heute scheint das Leben kontrollierter, planbarer, abgesicherter. Wir möchten weder der „äußeren“ Natur mit ihren Naturkatastrophen und Krankheiten, noch der „inneren“ Natur mit ihren irrationalen Gefühlen und urwüchsigen Trieben ausgeliefert sein. Genauso wie wir natürliche Landschaften zu Agrarwüsten und Monokulturen „kultiviert“ haben, so wurde auch die seelische Landschaft einer Flurbereinigung unterzogen. Das Ergebnis ist das Gleiche: verarmte Ödnis, der es an Vitalität und Widerstandskraft mangelt.

Immer glücklich sein zu wollen, erzeugt unnötig Druck
Ein Plädoyer für das Unglück

Für das ökologische wie für das seelische Gleichgewicht braucht es aber die bunte Vielfalt. Ich möchte ein flammendes Plädoyer für das Unglücklichsein halten! Eine Lanze brechen für Wut und Ärger! Mich für Einsamkeit und Traurigkeit einsetzen und für Angst und Unsicherheit werben! Diese Gefühle gehören zur natürlichen Flora unserer Seele genauso wie die Wildpflanzen zu Feld, Wald und Wiese. Wer versucht, sie auszurotten, schneidet sich ins eigene Fleisch. Denn Gefühle sind Ausdruck unserer Lebendigkeit und Wegweiser zu unseren wahren Bedürfnissen. Wir sollten sie ernstnehmen und für die Erfüllung unserer Bedürfnisse sorgen, damit unsere Seele in Balance bleibt. Unangenehme Gefühle zu verdrängen, zu unterdrücken oder sich auszureden führt hingegen zu einer Entfremdung von sich selbst. Ich kenne viele Menschen, die ihre Gefühle kaum noch spüren und denen ihre eigenen Bedürfnisse fremd geworden sind. Wohlgemerkt: Das sind nicht „die psychisch Kranken“, sondern, wie mir scheint, ein Großteil der Bevölkerung. Die Abspaltung von den Gefühlen gibt es nämlich nur im Gesamtpaket: wer Angst und Traurigkeit nicht mehr fühlen will, fühlt auch weniger Freude und Lust. Ohne „Wegweiser“ bleiben die wahren Bedürfnisse unbefriedigt und sorgen für weitere „negative“ Gefühle.

Unangenehm ist nicht negativ

Allen Happiness-Zeitschriften zum Trotz könnte es sich also lohnen, auch mal aus vollem Herzen „unhappy“ zu sein. Zu heulen wie ein Schlosshund oder vor Angst zu zittern wie Espenlaub fühlt sich zwar unangenehm, dafür aber sehr authentisch und lebendig an. Oftmals höre ich als Antwort auf diese freundliche Einladung: „Nein danke, das ist nichts für mich. Das tut mir nicht gut und man soll ja schließlich nichts machen, was einem nicht gut tut.“ Ein rationales Totschlagargument, mit dem man das Nicht-Fühlen-Wollen sehr wirkungsvoll rechtfertigen kann. Nun gibt es tatsächlich Menschen, denen die eigene Gefühlswelt, vielleicht aufgrund traumatischer Erfahrungen, (momentan noch) zu bedrohlich ist – und nichts läge mir ferner als sie zur Auseinandersetzung damit zu drängen. Es gibt aber auch Menschen, die dem Mainstream folgen und sich selbst behandeln wie Maschinen, die unter allen Umständen funktionieren sollen, auch emotional. In ihrem Konzept von sich selbst haben Schwäche und unangenehme Gefühle keinen Platz und werden als „negativ“ bewertet. Ihnen möchte ich Mut machen, das Bewerten einmal beiseite zu lassen, um ganz unvoreingenommen zu fühlen, was gerade an Gefühlen in ihnen lebendig ist. Der Lohn dafür ist mehr echte Vitalität, Widerstandskraft und Klarheit. Durch die Freiheit vom Glücklichsein entsteht Freiheit zum Glücklichsein.

„Du siehst alles ein bißchen klarer mit Augen, die geweint haben.“ (Marie von Ebner-Eschenbach)

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