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Natur als Übungsraum: Die Intervention „Sich ansprechen lassen“

Natur als Übungsraum Die Intervention "Sich ansprechen lassen"

Eine der ersten Interventionen, die die Teilnehmenden meiner Naturtherapie-Weiterbildungen lernen, ist die Übung „Sich ansprechen lassen“. Dank Online-Format können sie diese direkt bei sich vor Ort ausprobieren. Also dort, wo sie auch später arbeiten werden und während der Weiterbildung erste Erfahrungen mit Übungsklient*innen sammeln!

In diesem Artikel erfährst Du, was „Sich ansprechen lassen“ zu einer der grundlegenden Methoden der Achtsamkeitsbasierten Naturtherapie macht.

Die fünf Naturzugänge der Achtsamkeitsbasierten Naturtherapie

Ein Wort vorweg zur Einordnung: Der Naturraum ist in einer Natur(psycho)therapie nie „einfach nur so“ da, sondern wird von der/dem Naturtherapeut*in auf eine bestimmte Weise konzipiert, damit er psychotherapeutisch wirksam werden kann.

In unserer staatlich zugelassenen Online-Weiterbildung mit Praxisschwerpunkt vermittle ich fünf unterschiedliche Naturzugänge und ihre jeweiligen Interventionen:

  1. Natur als Übungsraum
  2. Natur als Freiraum
  3. Natur als Ritualraum
  4. Natur als Wandlungsraum
  5. Natur als Gestaltungsraum

 

Jeder Naturzugang eröffnet einen anderen Erfahrungsraum: Mal wird die natürliche Umgebung zu einem Ort des freien Selbstausdrucks, mal zum antwortenden Gegenüber, mal zum Werkraum usw.. Um den jeweiligen Erfahrungsraum zu eröffnen, gibt es eine Vielzahl an naturtherapeutischen Interventionen und Methoden. Im Naturzugang „Natur als Übungsraum“ geht es v.a. darum, eine grundlegende Haltung der Achtsamkeit zu üben. Dafür habe ich den Ansatz der PAN-Praxis® (naturbezogene Achtsamkeitspraxis) entwickelt.

Ein Mindestmaß an Achtsamkeit ist die Voraussetzung dafür, dass Klient*innen überhaupt genügend Spür-, Beziehungs- und Erlebensfähigkeit aufbringen können, um von einer Naturtherapie zu profitieren.

Der Naturzugang des „Übungsraums“ kultiviert diese Haltung und versetzt die Klient*innen in die Lage, die Naturumgebung bewusst wahrzunehmen und mit ihr in Resonanz zu treten. „Sich ansprechen lassen“ ist deshalb eine der grundlegenden Methoden der Achtsamkeitsbasierten Naturtherapie.

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Ansprechbar sein

In den alten indogermanischen Sprachen gibt es nicht nur zwei Kategorien von Verben (Aktiv und Passiv), sondern mit dem „Medium“ noch eine dritte. Damit lässt sich eine Haltung ausdrücken, die im Gegensatz zum Aktiv („Ich spreche xy an“) und Passiv („Ich werde angesprochen“) nichts aktiv vorantreibt oder passiv erfährt, sondern sich empfangsbereit macht: „Ich lasse mich ansprechen“.

Für die Naturtherapie ist diese Haltung von zentraler Bedeutung, da es mit ihr möglich wird, sich für das zu öffnen, was in der Natur auf uns zukommt, und so Erfahrungen mit Phänomenen zu machen, die persönlich bedeutsam sind (Resonanz). In dieser Haltung sind die Dinge nicht einfach nur „neben uns“, sondern sie „sprechen unser Wesen an“, sodass wir uns sogar „gesehen“ fühlen können. Damit ist nicht gemeint, dass etwas oder jemand zu uns spricht („Der Vogel will mir etwas mitteilen oder hat eine Botschaft für mich“), sondern es geht um die Erfahrung des Berührt- und Angesprochen-Werdens als solche.

Dabei schlendern die Klient*innen in empfangsbereiter innerer Haltung umher und achten auf Momente der Resonanz.

Hilfreiche Leitfragen können sein:

  • Was zeigt sich mir? Was offenbart sich mir?
  • Welche Wirkung hat es auf mich? Wie fühlt sich das Angesprochen-Werden an?
  • Woran erkenne ich, dass etwas auf mich zukommt? Gibt es die Erfahrung, dass ich gemeint bin?

Fallbeispiele

Eine Klientin fühlte sich von einer frisch gemähten Wiese geradezu eingeladen. Eine hohe Wiese hatte die Klientin respektvoll gemieden, aber hier stapfte sie lustvoll und schweren Schrittes darüber. In der therapeutischen Nacharbeit konnten wir herausfinden, dass dies ein Ausdruck ihres aktuellen Entwicklungs-Prozesses war: Sich mehr Raum und „Gewicht“ zu erlauben und sich anderen gegenüber auch mal „zuzumuten“.

Ein anderer Klient war im Steinbruch fasziniert vom Übergang zwischen Gestein und Erdboden. Am Ende der Therapie wollte er sich dieses Bild sogar als Tattoo stechen lassen! Was hatte ihn daran so angesprochen? Die „klare Kante“ und Abgrenzungsfähigkeit, die er in sozialen Situationen gerne mehr zur Verfügung haben wollte.

Manche Klient*innen streifen lange umher, ohne sich von etwas angesprochen zu fühlen. Hier ist es als Naturtherapeut*in wichtig, jeglichen Leistungsdruck zu vermeiden und den Prozess nicht zu unterbrechen. Wenn es während der Sitzung „nicht klappt“, kann die/der Klient*in im Alltag damit weiter experimentieren.

Andere versuchen Kontrolle über die Situation zu erlangen, indem sie einen Naturgegenstand suchen, dem sie eine symbolische Bedeutung beimessen können. Gut ausgebildete Naturtherapeut*innen erkennen jedoch, wann es sich um ein echtes Resonanz-Phänomen handelt und wann jemand etwas bewusst konstruiert.

Ausführliche Fallgeschichten in meinem Fachbuch (Beltz, 2026): „Naturtherapie – Mit Naturerfahrungen Beratung und Psychotherapie bereichern“

Übungen in und mit der Natur haben oft eine starke Wirkung, daher sollten Therapeut*innen aus eigener Selbsterfahrung wissen, was eine Übung hervorrufen und wofür man sie einsetzen kann.

Generelle Wirkungen

Neben den spezifischen Wirkungen auf die therapeutischen Ziele der einzelnen Klient*innen hat die Intervention „Sich ansprechen lassen“ auch positive „Nebenwirkungen“ auf die allgemeine Verfasstheit der Person:

  • Im achtsamen, sinnenhaften Kontakt mit der Natur erlebt die Person das, was sie hört, sieht, riecht, schmeckt und tastend erfühlt, und zugleich auch sich selbst als diejenige, die existiert und erlebend anteilnimmt an der Welt. Beides zusammen ist ein fundamentaler Akt gegen die Entfremdung und für die Wiedereinbindung in den existenziellen Lebensprozess!
  • Das innerliche Öffnen für Resonanz-Phänomene löst Probleme nicht direkt, sondern verändert die Sichtweise auf sie und unterstützt auf diesem Weg die Problemlöse-Fähigkeit. Wenn sich der Mensch wesentlich angesprochen fühlt, wird das Leben lebenswerter und erfüllend, man fühlt sich eingebunden und nicht mehr sozial oder existenziell isoliert.
  • Die Qualitäten, die man auf diese Weise in der Natur erfahren kann, existieren auch in der menschlichen Interaktion, sind nur mit etwas mehr „sozialem Risiko“ verbunden. Daher fällt es vielen Klient*innen anfangs leichter, dieses Öffnen mit der Natur zu üben. Manche Menschen fühlen sich von anderen nicht gesehen, obwohl sich viele für sie interessieren. Ob man sich angesprochen und gemeint fühlt, hängt insofern auch von der eigenen Fähigkeit ab, sich für diese Erfahrung öffnen zu können.
  • Natürlich ist die empfangsbereite Haltung nicht immer angebracht; im Alltag muss man sich auch abgrenzen und schützen können, um z. B. geradlinig ein Ziel zu verfolgen. Aber wer zu empfangen in der Lage ist, der braucht nicht so sehr mit seinen Kräften zu haushalten, sondern kann frei entscheiden, ob er sich verschenken möchte – denn der Weg zur Quelle ist bekannt! Das hat auch ökologische Auswirkungen: Man braucht weniger Konsum-Ersatzbefriedigungen für sein Bindungsbedürfnis. Auch Fernreisen erscheinen nicht mehr unbedingt nötig, da man mit dieser Haltung vor der eigenen Haustür die gleiche Erfüllung und Erfrischung erleben kann wie im Urlaub.

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Jetzt bin ich gespannt auf Deine Gedanken zur Intervention „Sich ansprechen lassen“! Was spricht Dich daran an? Welche Fragen tauchen auf?

Herzliche Grüße und bis bald im Wald! 🌳

Sandra Knümann

„Natur als Therapie“

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